Offener Brief

Für die Rückbesinnung auf das Wesen(tliche) der Universitäten und die Grundlagen einer pluralistischen Demokratie

An alle Hochschulleitungen im deutschsprachigen Raume

An die geneigte Öffentlichkeit

An die Leser_innen nicht nur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Als Studierende europäischer Bildungseinrichtungen bitten wir um Ihre Unterstützung. Wir sehen während der Pandemie und befürchten für die Zeit nach der Pandemie, dass Hoffnungen, Ideale und Werte, die wir mit „Studieren“ verbinden, zunehmend ihre gesellschaftliche Wertschätzung verlieren. Anlass dafür ist ein Artikel aus der FAZ, der aus unserer Sicht für die aktuellen Entwicklungen bezeichnend ist (Näheres s. „Hintergrund“).

Wir sind überzeugt:

1) Bildung ist und muss mehr sein als das Ergebnis reiner Wissensvermittlung. Der Schutz der humanistischen Werte einer Universität ist daher von allergrößter Bedeutung in einer Welt, die zunehmend von Effizienz- und Optimierungsgedanken geprägt ist.

2) Digitalisierung darf kein Automatismus sein. Für ein verantwortliches Handeln bedarf es der Besinnung auf Möglichkeiten und Unmöglichkeiten technischer Mittel, wie – und das ganz besonders – auf das, was sich dem technischen Zugriff entzieht: Menschlichkeit und Nähe.

3) Digitallehre oder die Einführung von Hybridlehre (also Lehre teils in Präsenz, teils digital) können und dürfen kein Ersatz für wahrhafte, bedeutsame Begegnung nach der Zeit der Pandemie sein. Die Universität als ein solcher Ort der Begegnung, des Austauschs und Dialogs, darf nicht voreilig aufgegeben werden. Eine Rückkehr zur umfassenden Präsenzlehre ist unerlässlich.

4) Nur ein gesellschaftliches Klima des Respekts, der gegenseitigen Achtung und Wertschätzung, auch anderslautender Überzeugungen und Meinungen, kann eine pluralistische Demokratie dauerhaft erhalten.

5) Es ist an der Zeit, dass die durchaus unterschiedlichen Bedürfnisse der Studierenden eine differenzierte, hörbare Artikulierung und eine differenziertere Wahrnehmung erfahren.

Der Hintergrund

Mit Bedauern haben wir einen Artikel in der FAZ gelesen: „‚Täuschungen haben jetzt eine andere Dimension‘“ (25.04.2021). Darin sprechen die Prorektorin für Lehre und Studium der Universität zu Köln und der dortige Asta-Vorsitzende über die Erfahrungen, die im Laufe der beiden Corona-Semester mit der Situation der Lehre und den Prüfungen gemacht wurden. Es kommt – und das ist für unseren Brief ausschlaggebend gewesen – zur Sprache, dass es Widerstand aus der philosophischen Fakultät gegen eine Veränderung des Lehrekonzeptes gebe, die im Zuge der Digitallehre notwendig geworden sei. Diese Veränderung wird von beiden Seiten als „überfällig“ bezeichnet. Der Studierendenvertreter äußert die Forderung, dass „[d]ie, die sich jetzt verweigern, […] sich nicht still und heimlich aus der Verantwortung winden und nach der Pandemie wieder zur Normalität der vergangenen 30 Jahre zurückkehren [dürfen].“

Eine solche Sicht auf Lehrpersonen einer Universität und auf die bisherige Gestaltung der Lehre sind uns fremd und deshalb der Anlass dieses Briefes, der von Studierenden ausgeht, explizit aber alle zur Unterstützung aufruft, die den hier vertretenen Werten zustimmen können.

Unser Standpunkt

Wir wissen nicht, um welchen Widerstand aus der philosophischen Fakultät der Universität zu Köln es sich genau handelt, sind aber sehr erstaunt über die Offenheit, mit der im Interview von Rückständigkeit und Rückwärtsgewandtheit gesprochen wird, die der Grund dieses Widerstands seien.

Zweifel an den Veränderungen seien „berechtigt“ – Beharrungskräfte zwar „menschlich“, die notwendige Transformation zur hybriden Zukunft habe aber nun begonnen und müsse fortgesetzt werden.

Als Studierende (auch philosophischer Studiengänge) richten wir uns gegen eine derartige Eindimensionalität. Wir richten uns gegen einen blinden Transformatismus, denn Transformation darf kein Automatismus sein, der durch veränderte Umstände in Gang gesetzt wird – wir sehen uns als handelnde Menschen, die sich nicht einfach den Umständen anpassen dürfen, sondern selbst entscheiden müssen und dürfen. Sartre meinte, „wir sind zur Freiheit verdammt“ – wir sind gefordert, selbst zu entscheiden und die Verantwortung zu übernehmen, freudig die Verantwortung für unser Leben und unsere Lebensgestaltung anzunehmen und bewusst zu tragen.

 

Insofern sind wir nicht einverstanden! Wir sind nicht einverstanden mit dem Bild der Studierendenschaft, vielleicht der jungen Generation insgesamt, das hier vermittelt wird. Wir möchten es differenzieren.

Wir wollen Präsenzlehre, sobald sie wieder möglich wird, wir wollen Präsenzunterricht für Schülerinnen und Schüler, der es ihnen ermöglicht, in eine Beziehung zur Welt zu treten – statt sich den Erfordernissen der Technik anpassen zu müssen. Hybrid- oder gar Distanzlehre berauben die Bildungseinrichtungen ihres zentralen Elementes, der sie sich von einem reinen Wissensvermittlungsinstitut abheben lässt: dem des unmittelbaren Austauschs von Personen, die ein gemeinsames Interesse haben.

Wir möchten das nicht als eine grundlegende Ablehnung der Technik und ihrer Potentiale missverstanden wissen. Wir wollen aber darauf hinweisen, dass es durchaus auch Studierende gibt, die die angeblich „alternativlose“ Ausweitung der technischen Mittel in alle Bereiche des menschlichen Lebens kritisch sehen. Wir wünschen uns einen vermehrten Diskurs über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten dieser digitalen Mittel. Frei nach Heidegger sehen wir es zudem als unerlässlich, sich darüber bewusst zu werden, was sich dem technischen Blick alles entzieht.

Lernen vollzieht sich in Beziehung, Bildung ist ohne einen solchen Horizont, innerhalb dessen sie sich vollzieht, nicht denkbar. Bildung als Weltbezug und Selbsterkenntnis braucht den Dialog – mit sich, und mit der Welt. Wie seit nunmehr mehr als einem Jahr sichtbar und mit jedem Tag sichtbarer wird, können digitale Medien das nicht leisten: Sie spannen keine Welt auf, in die wir eintauchen und von der wir uns begeistern lassen können – sie bieten als „Ersatz“ den digitalen Raum, an dem wir passiv teilhaben, nicht aber aktiv gestalterisch teilnehmen können: Rückmeldung und Spiegelung fehlen. Damit fehlen die Grundlagen für einen reflektierten Umgang mit sich und der Welt. Damit fehlen, drastisch gesagt, auf lange Sicht die Grundlagen für unsere pluralistische Demokratie. Studium heute ähnelt dem „doing things“ bei Adorno, der im gedankenlosen Machen um des Machens willen eben eine der Voraussetzungen für die Möglichkeit von Auschwitz gesehen hat.

Eben ein solches scheint das Studium heute mehr oder weniger häufig zu sein: Ein Abarbeiten von Aufgaben, die zu einem festgesetzten Zeitpunkt abzugeben sind. Vielleicht gibt es als Rückmeldung ein, zwei Sätze. Als persönlich bedeutsam erscheinen diese Aufgaben häufig nicht, sie werden gemacht, ganz egal welchen Inhalts sie sind – ihre Erledigung ist Voraussetzung, um die Veranstaltungen positiv abschließen zu können und dementsprechend werden sie bearbeitet. „Doing things“, statt Bildung und Mündigkeit.

Unser Ansinnen

Wir wünschen uns eine gesellschaftliche Atmosphäre, die von Pluralität innerhalb der Gemeinschaft geprägt ist, ohne dass verschiedene Meinungen und Ansichten gleich in „Lagerbildungen“ münden müssen. Eine Atmosphäre, in der Veränderungen nicht nur als unumgänglich bzw. fortschrittlich gesehen werden, sondern der Umgang mit gesellschaftlichen Umwälzungen von mündigen, selbst-bewussten Bürgern getragen wird. Dafür ist unmittelbare, d.h. nicht durch Technik vermittelbare, Bildung unerlässlich.

Wir haben alle den Zauber von Personen erfahren dürfen, die uns auf lange Sicht geprägt haben, uns Wege eröffnet haben: Ob Lehrer und Lehrerinnen oder Lehrende an Universitäten. Oder Freunde in gänzlich anderen Kontexten.

Warum wollen wir diese existentiell menschliche und schützende Erfahrung des bedeutsamen Gegenübers den nachfolgenden Generationen erschweren?

Wir erklären uns solidarisch mit der philosophischen Fakultät der Universität zu Köln und stellen uns der öffentlichen Bloßstellung als „rückständig“ entgegen. Eine derartige öffentliche Herabwürdigung von „Beharrungskräften“, die ohne nähere Erläuterung umso plakativer wird, ist für uns nicht tragbar.

Wir fordern stattdessen eine Rückbesinnung auf die humanistischen Werte der Universität und unserer Gesellschaft.

Technik ist nicht einfach ein „neutrales“ Mittel, das je nach Zweck Vorteile oder Nachteile hat, die zu diskutieren sind. Sie ist wie ein Mikroskop, das zwar vielleicht eine Sache (Vergrößern) gut kann, uns aber auf diese eine Sache festlegt.

Wir wollen, dass wir uns bewusst dafür entscheiden, das zu tun, was wir tun – nicht, um vermeintlichen oder tatsächlichen Notwendigkeiten automatisiert zu folgen. Dafür braucht es den offenen Diskurs, für den wir uns hiermit starkmachen.

 

Wir wollen unsere Universitäten nicht aufgeben.

Unterzeichnen (gerne alle Interessierte, nicht nur Studierende) - Aus gegebenem Anlass: Bitte kontrollieren Sie Ihr E-Mail-Postfach (auch Spam-Ordner!) und bestätigen Sie Ihre Unterzeichnung

259 Unterschriften
Neueste Unterschriften
259 Jeff Reisch Universität Innsbruck Jun 18, 2021
258 Nico Neumann Universität Innsbruck / Erziehungswissenschaften, Student Jun 17, 2021
257 Jonas Pohlmann Uni Leipzig Jun 15, 2021
256 Helmut Rolke Seniorstudent Jun 14, 2021
255 Jörg Rademacher Bereichsleiter Gymnasialseminar Jun 11, 2021
254 Johannes-Maria Lex Administrator des Facebook-Bildungsportales "BILDUNG IST ZUKUNFT" Jun 11, 2021
253 UD Dr. Hannes Galter Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Antike Jun 10, 2021
252 Lutz Gerdes (Dr.) Lehrer an der Fachschule für soziale Arbeit der evangel Stiftung Alsterdorf (Hamburg) Jun 10, 2021
251 Edith Wasen Lehrerin Musik/Latein Jun 09, 2021
250 Freya Wasen Universität zu Köln, Sozialwissenschaften, Studentin Jun 09, 2021
249 Käthe Linden Realschullehrerin Jun 09, 2021
248 Martin Lang Universität Innsbruck, assoz. Prof. Jun 08, 2021
247 Agnes Bidmon Neuere deutsche Literaturwissenschaft, FAU Erlangen-Nürnberg Jun 08, 2021
246 Georges Tamer Professor für Orientalische Philologie und Islamwissenschaft, FAU Erlangen-Nürnberg Jun 07, 2021
245 Anna von Busse LMU München/ Soziologie, Philosophie Jun 07, 2021
244 sven severin PH Wien Jun 07, 2021
243 Joseph Schöpp Prof. em. Universität Hamburg Jun 06, 2021
242 Anna Horatschek Kiel, Prof. Jun 05, 2021
241 Antje Kley Professorin der Amerikanistik, FAU Erlangen-Nürnberg Jun 04, 2021
240 Alice Hodge TU Berlin Jun 04, 2021
239 Mila Beck TU Berlin Jun 04, 2021
238 Anne Halfmann LMU München, Lehrerin Jun 03, 2021
237 Eckart de Bary Kinderarzt Jun 03, 2021
236 Marvin Schulz Uni Flensburg Jun 02, 2021
235 Nico Heintel Jun 02, 2021
234 Ulrich Halfmann Mannheim - Prof. emer. - Amerikanistik Jun 02, 2021
233 Ingeborg Halfmann Lehrerin Jun 02, 2021
232 Harald Hofberger Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden Jun 02, 2021
231 Kathrin Steffens Lehrerin Jun 02, 2021
230 Viktor Buchhammer Uni Köln Jun 02, 2021
229 Nik König Universität Innsbruck Jun 01, 2021
228 Tom Böttcher Maastricht University / Digital Society Jun 01, 2021
227 Johannes Raffel Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf - Geschichtswissenschaften Jun 01, 2021
226 Jürgen Adler Diplom-Ingenieur Jun 01, 2021
225 Dezsö Antal Universität Innsbruck Jun 01, 2021
224 Ingrid Kaiser ehem. Pädagogische Leiterin Mai 31, 2021
223 Sarah Halfmann Universität Tübingen Mai 31, 2021
222 Leonie Kleine Universität Innsbruck / Psychologie Mai 31, 2021
221 Florian Deichsler HU Berlin Mai 31, 2021
220 StV Psychologie Innsbruck Leopold-Franzens-Universität Innsbruck Mai 31, 2021
219 Frank Haßler Uni HH , FB Rechtswissenschaft 2 Mai 31, 2021
218 Benno Schulz Berufsschullehrer Mai 30, 2021
217 Juliane Widder Universität Heidelberg Mai 30, 2021
216 Katrin Halfmann Lehrerin Mai 30, 2021
215 Jakob Zürn Universität Heidelberg Mai 30, 2021
214 Jakob Altemüller Universität Heidelberg / Philosophie Mai 30, 2021
213 Faye Bors HU Berlin Mai 29, 2021
212 Dr. Carl Wenninger Mathematiker und Software-Entwickler Mai 28, 2021
211 Marielena Rasch Humboldt-Universität zu Berlin Mai 28, 2021
210 Stefan Huber Universität Innsbruck Mai 27, 2021
209 Benny Greif Universität Innsbruck - Student Mai 27, 2021
208 Lutz Wiesner Lehrer am WBK Bonn Mai 27, 2021
207 Sarah Schirmer Universität Siegen / Lehrende Mai 27, 2021

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